14. Mai 2019

Aufgeschrieben von Alexandra Werdes

Aleks Aleksievs Musikkarriere beginnt mit den ersten Schritten, die er als Kleinkind laufen kann. Wie es Tradition ist in seiner Familie, legen die Verwandten im Wohnzimmer ihre Musikinstrumente auf den Boden: die Gitarre, das Akkordeon, die Klarinette, die Geige. Dann warten sie, welches Instrument der kleine Junge auf den wackeligen Beinen wohl ansteuert. Aleks schnappt sich den Geigenbogen. Und das ist er seitdem: Geiger.

Und was für einer: Der 19-Jährige fiedelt virtuos und in einem Höllentempo über die Saiten. Wer ihn bereits bei 48h erleben durfte, weiß, dass dabei musikalische Funken schlägt, die auch bei denjenigen etwas entfachen, die sonst nur wenig mit bulgarischer Musik am Hut haben. Und genau das ist es, was Aleks will und was ihn mit Stolz erfüllt, wenn es gelingt: „Wir sind keine Philharmoniker, die präsentieren, was sie lange zu Hause geprobt haben“, sagt er, „wir sind Leute, die für die Leute spielen!“

Das ist auch in anderer Hinsicht wörtlich zu nehmen: Aleks ist, wie viele bulgarische Musiker auf den Elbinseln, Auftragsmusiker. Sein Haupteinkommen verdient er damit, auf Hochzeiten zu spielen, die vor allem von den türkischen Bulgaren über mehrere Tage ausgiebig gefeiert werden. Die Musiker werden bei diesen Anlässen sehr gut bezahlt, manche Stars der Szene werden sogar eigens aus Bulgarien eingeflogen. Oft geben sie dann weitere Konzerte in der Stadt. Da die bulgarische Community in Wilhelmsburg seit Jahren wächst, nimmt auch die Anwesenheit hervorragender Musiker zu. 48h hat deshalb die bulgarische Musik in diesem Jahr als Schwerpunktthema ins Programm genommen. Aleks ist mit der X-tra Group (ehemals Duracel Band) und der Balkan Band dabei.

Wir sitzen mit ihm im Kaffe Bistro Votra auf der Veddel, er trinkt eine Himbeerlimonade und versucht zu beantworten, wo Wilhelmsburger auch jenseits des 48h-Festivals bulgarische Musik erleben können. Es gebe viele bulgarische Clubs, in der die traditionelle Musik gespielt würde, meint Aleks, „aber die Veranstalter machen vielleicht nicht die Werbung, die euch erreicht.“ Die meisten Veranstaltungen würden in einer großen türkisch-bulgarischen Facebook-Gruppe angekündigt. Das Smart-Café in der Veringstraße sei immer gut für Live-Auftritte, aber auch der Hochzeitssaal in der Rahmwerder Straße, wo „entspannt 1.000 Leute feiern“ könnten. Wenn Stars wie Sali Okka kommen, „der schnellste Klarinettenspieler der Welt“, dann müsse sich der Auftritt schon lohnen.

Wegen lukrativer Engagements für Hochzeiten begann vor 18 Jahren auch Aleks‘ Vater, ein Gitarrist, zwischen Hamburg und Russe zu pendeln. Russe, die Stadt, in der Aleks geboren wurde, liegt an der Donau, im Norden Bulgariens, an der Grenze zu Rumänien. Wie Aleks‘ erzählt, konnte er dort auf eine Grundschule mit integrierter Musikschule gehen. „Wir wurden in Klavier und Gesang unterrichtet, es war ziemlich streng, nur dienstags hatten wir frei.“ Mit diesem intensiven Unterricht war es vorbei, als die Familie 2007 ganz nach Hamburg zog. Der deutsche Musiklehrer, der nun teuer bezahlt werden musste, verstand nicht, welche musikalische Erziehung der Achtjährige bereits genossen hatte und gab ihm Noten, die viel zu leicht waren. Schließlich beschloss der Vater, selbst mit dem Jungen zu üben. „Mein Vater hat mir alles beigebracht, was ich wissen muss“, sagt Aleks. „Nicht nur das Technische, sondern vor allem, welche Musik sinnvoll für mich ist. Ich höre zwar gerne Triphop, aber als Interpret kann ich da nichts rausholen. Mein Vater hat mir gezeigt, was mir die traditionelle bulgarische Musik bieten kann. Weil sie tief ist.“

Dabei ist gar nicht so leicht zu definieren, was die traditionelle Musik ist. Denn die Musiklandschaft Bulgariens so schwer zu überblicken wie der Vielvölkerstaat selbst. Der türkische Einfluss etwa zeigt sich in Tonleitern mit Vierteltönen. Wer wen beeinflusst hat – die Bulgaren die Osmanen oder umgekehrt – lässt sich heute nicht immer mit Genauigkeit sagen. So gibt es zum Beispiel einen schnellen bulgarischen Volkstanz im 9/8-Takt. Dieser Takt wird in einer langsameren Version auch in der Türkei gespielt. „Was war zuerst da?“, fragt Aleks. „Die Henne oder das Ei?“

Für die bulgarische Musik charakteristisch ist ein Melodie-Instrument, das den Ton angibt. Klassischerweise ist dies das Akkordeon. Die Roma in Bulgarien bevorzugen jedoch die Geige, die türkischen Bulgaren die große Klarinette, die auch Vierteltöne spielen kann. „Die Geige ist den türkischen Bulgaren wohl zu quietschig“, sagt Aleks, „aber für mich bleibt sie die Nummer Eins.“ Egal, ob Akkordeon, Klarinette oder Geige: Allen Spielarten gemeinsam sind die asymmetrischen Takte und das ungeheure Tempo. „Wenn du diese Musik ausgelernt hast, dann bist du eigentlich für alle Genres geeignet. Da bist du auch beim Jazz sofort dabei.“
Aleks „trainiert“ jeden Tag. Proberäume vermisst er wie so viele Musiker im Viertel. Ein Ort, wo einmal in der Woche die ganze Band hingehen könnte, „das wäre perfekt“. Zur Zeit üben die einzelnen Musiker zuhause. Aleks‘ Wohnsituation auf der Veddel lässt das gerade so zu: Über ihnen wohnt eine Cousine, in der Wohnung darunter eine rumänische Familie, ganz unten im Haus lebt ein Cousin. Dazwischen wohnen ein paar Deutsche, von denen Aleks sagt, dass sie kein so großes Interesse haben, die Polizei zu rufen, wenn es laut wird.

Sein bestes Training aber besteht darin, dass der junge Geiger keine Gelegenheit auslässt, um live zu musizieren. Unter der Woche spielt er Tischmusik in der Titanic-Bar im Reiherstiegviertel oder eben, wie schon als Kind mit seinem Vater, auf der Straße. Während viele bulgarische Hochzeitsmusiker kaum Interesse zeigen, am Elbinsel-Festival teilzunehmen, weil ihnen die Ehrenamtspauschale zu gering ist, findet der junge Geiger die Einnahmen „gar nicht so schlecht dafür, dass man nur eine Stunde spielt“. Und es haben sich nach 48h neue Bandprojekte ergeben: Aleks machte als Musiker bei New Hamburg mit, spielte Konzerte mit Benjamin Brunn und mit dem Ensemble Resonanz und trat in der St. Pauli-Kirche auf.

Unter bulgarischen Musikern, sagt Aleks, gebe es einen Spruch, der heiße so viel wie: „Du hast das Lied von dem Typen erkannt.“ Darin liegt auch bei 48h sein Ehrgeiz. „Und außerdem ist es ein schönes Gefühl, sich engagiert zu fühlen.“

Und hier könnt ihr bei 48 h Wilhelmsburg bulgarische Musik hören:

Balkan Band

Samstag 16.6.
14-15 h
Jan‘s Musikladen

Hachko Group
Sonntag 16.6.
17-18 h
Wilhelmsburger Ruderclub

X-tra Group
Sonntag 16.6.
17-18 h
Ursula-Falke-Terrassen

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