30. Mai 2019

Eine Erfolgsgeschichte – nicht ohne Wachstumsschmerzen

Aufgeschrieben von Alexandra Werdes

Für die einen ist es die Punkband auf dem Container-Lagerplatz, für andere die Jodel-Tour durch Kirchdorf Süd, für viele einfach familiäres Chillen mit Karaoke im Kleingarten, und wieder jemand hat den Fasil-Abend in der Kaffeeliebe als besonderen Moment genossen…

Sicher ist, dass am Ende sehr viele Menschen sehr viele verschiedene Festivals erlebt haben werden. Denn das ist die Idee von 48h: Musik mit ungewöhnlichen Orten zu verbinden und die Menschen in Bewegung zu bringen. „Wir wollen keine Konzerte mit großen, klassischen Bühnensituationen“, erklärt Projektleiterin Katja Scheer. „Wir suchen Settings, die zu intimeren Momenten führen. Zu Begegnungen über das Gewohnte hinaus.“

Die Chance, sich als Besucher*in überraschen, berühren und begeistern zu lassen, ist auch im zehnten Jahr gegeben: 149 Solo-Musiker*innen, Chöre oder Bands werden 55 Orte auf den Elbinseln bespielen. Das Festival beginnt an den Ursula-Falke-Terrassen und breitet sich dann in die Quartiere aus: es geht ins Bahnhofsviertel und auf die Veddel, nach Kirchdorf und ans Reiherstiegknie. Auf den Kanälen ist wieder das Kulturfloß Schaluppe unterwegs. Und an den Abenden wird das Bürgerhaus zur Festival-Zentrale. Zurück zu den Wurzeln könnte man sagen.

„Das läuft sich in zwei Jahren tot“

Denn auch wenn 48h heute als Festival für sich zu stehen scheint, ist es nur Teil einer größeren Idee, die im Bürgerhaus geboren wurde. Sie lautete, die musikalischen Akteure des Viertels zu vernetzen und sichtbar zu machen. 2008 wurde das Projekt „Musik von den Elbinseln“ gestartet. Beim ersten Konzert standen 90 Leute auf der Bühne und 20 im Publikum. Die musikalische Vielfalt und das Gefühl des Miteinanders waren dennoch so mitreißend – damit musste man noch mehr Menschen erreichen können!

Steph Klinkenborg, damals wie heute für die Kommunikation und Beratung des Musiknetzwerks zuständig, entdeckte kurz darauf in Berlin das Format „48 Stunden Neukölln“: ein Kunst-Festival, bei dem eine Wochenende lang alltägliche Orte des Stadtteils durch internationale Kunstprojekte umgedeutet werden. „Ich dachte, das ist es: Wir starten ein Wochenende, an dem wir den Stadtteil als Bühne inszenieren. Statt internationale Namen heranzuziehen, setzen wir dabei aber ganz auf Musik aus dem Stadtteil“, erinnert sich Klinkenborg. Um das zu gewährleisten wurde ein wichtiges Kriterium entwickelt, das heute noch für 48h Wilhelmsburg gilt: Spielen dürfen nur Musikschaffende, die auf den Elbinseln leben oder arbeiten. 
Gerade wegen dieser Spielregel waren die ersten Reaktionen auf das neue Konzept verhalten: „Das macht ihr zwei Jahre, dann läuft es sich tot“, hieß es. Eine gründliche Fehleinschätzung – sowohl des musikalischen Potenzials auf den Elbinseln als auch der Entwicklung von Wilhelmsburg und seiner steigenden Attraktivität über die Stadtteilgrenzen hinaus. Die konsequente Verankerung im Stadtteil und die Faszination für die musikalische Vielfalt der Elbinseln ist bis heute das Besondere an 48h.

Wochenende im Ausnahmerausch

Der wachsende Erfolg von 48h lässt sich auch an den Zahlen ablesen: Von 2.000 Besuchen* in 2010 auf 20.500 im vergangenen Jahr. Passte das Festival-Programm beim ersten Mal noch auf vier Din-A4-Seiten (inklusive Karte), wird heute dieses Programmheft gedruckt. Im Jahr 2014 sprengte der Organisationsaufwand mit 81 Orten und 156 Acts den Rahmen. Die Einladung, dass aus dem Stadtteil jeder, der Lust hat, mitmachen kann, ließ sich anschließend nicht mehr aufrecht erhalten. Seit 2015 gibt es deshalb das Programmkomitee, das die eingegangenen Bewerbungen nach 48h-Kriterien bewertet. War in den Anfangsjahren am Festival-Wochenende einfach das ganze Bürgerhaus-Team mit sieben Leuten in einer Art Ausnahmerausch 48 Stunden lang auf den Beinen, sind es inzwischen 50 bis 60 Produktionskräfte, die diesen Job übernehmen.

Wo ist der Notausgang?

 „Auch auf Behördenseite mussten wir allmählich in Strukturen reinrutschen“, erinnert sich Timo Gorf, der 2011 als Praktikant bei 48h angefangen hat und heute die Produktion leitet. Wenn im ersten Jahr jemand sein Wohnzimmer für ein Konzert hergeben wollte, dann wurde das halt gemacht. Heute fragt das Bezirksamt, wo der Notausgang ist. Jeder Veranstaltungsort muss mit Blick auf die Sicherheit und den Brandschutz begutachtet werden.

Ab 2013 wurde außerdem ein Online-Anmeldetool entwickelt: Grundrisse und Betriebsbeschreibungen laden die Gastgeber*innen dort selber hoch, und die Künstler*innen liefern gleich mit der Bewerbung Musikbeispiele und Bandfotos ab. „Ohne Digitalisierung wäre es gar nicht möglich, so viele Akteure innerhalb von einem halben Jahr unter einen Hut bringen“, sagt Gorf. Die standardisierten Abläufe machen aber auch weniger frei. „Überraschungen zu organisieren, das gelang uns früher besser“, bemerkt er selbstkritisch. Und doch sei es immer noch der Ehrgeiz des Festivals, „Orte zu bekommen, wo Veranstaltungen sonst selten genehmigt werden.“

Damit greift 48h Stunden ein Thema auf, das in der Musikszene der Hansestadt große Relevanz hat, aber oft übersehen wird. Denn neben Bands, die Proberäume suchen, gibt es auch zahlreiche Musikveranstalter*innen in der Stadt, die Freiflächen suchen – und selten finden –, wo sie mit ihren Partys niemanden stören. Auch diesen Musikmachern aus dem Stadtteil gibt 48h Gelegenheiten sich auszuprobieren.

Eine Technoparty auf dem Veddeler Parkdeck? Rap am Zollgebäude? Eine Festivalnacht im Hafenmuseum? Das geht nur durch den beständigen Dialog mit Partner*innen in den Behörden, die 48h ebenfalls möglich machen wollen. „Also mit einer Projektstelle, die dranbleiben kann“, so Gorf, „und mit einer Institution wie dem Bürgerhaus dahinter, die Vertrauen ausstrahlt.“

Jeder bekommt eine Bühne

Die Stiftung Bürgerhaus Wilhelmsburg bürgt nicht nur mit ihrem guten Ruf für das Projekt 48h. Sie musste auch manches Mal das finanzielle Defizit auffangen. Denn trotz langjähriger Förderer wie der Behörde für Kultur und Medien und der Bezirksversammlung Hamburg Mitte sowie guten lokalen Sponsoring-Partnerschaften hielt das Budget nicht mit dem Wachstum mit. Ein Grund dafür ist, dass 48h auf die Haupteinnahmequelle anderer Festivals verzichtet: Einnahmen durch den Verkauf von Gastro-Lizenzen. So wie es nicht die eine große Bühne gibt, so gibt es auch keine Freßstände und keine Bierbuden, die von einer großen Marke gesponsert sind. „Es war uns von Anfang an wichtig, dass wir die lokalen Ökonomien fördern“, sagt Katja Scheer. „Die Leute sollen sich an den Orten versorgen, die die Konzerte veranstalten, oder am Kiosk nebenan.“ Dafür leisten die Gastgeber*innen seit 2015 einen Kooperationsbeitrag.

„Wenn wir uns nur die veranstaltungsbezogenen Kosten anschauen, von der Technik über Versicherungen bis zur GEMA-Gebühr, können wir das auf durchschnittlich 1320 Euro pro Ort beziffern“, erklärt Projektleiterin Scheer. Der durchschnittliche Kooperationsbeitrag, den ein Ort in den vergangenen Jahren bei 48h gezahlt hat, betrug aber nur 350 Euro. Die Höhe des Beitrags bemisst sich danach, ob es sich um eine Gastronomie handelt oder um eine gemeinnützige Einrichtung, wie groß der Laden ist und wieviel Technik bereitgestellt werden muss.

Denn wenn es heißt, dass bei 48h jeder eine Bühne bekommt, ist das wörtlich gemeint: Das Team von Elbdeich 23 rund um den Veranstaltungstechniker Carsten Wodniczak sorgt für einen einwandfreien Auftritt, egal ob dieser in einer enger Eckkneipe oder am Deich stattfindet. Immer sind Produktionskräfte vor Ort, um die Musiker*innen und auch die Gastgeber*innen, die nicht jeden Tag ein Konzert veranstalten, zu begleiten. Jeder bekommt den gleichen technischen Support, das gleiche professionelle Setting, die gleiche Aufmerksamkeit.

„Respect your Neighbourhood“

Dieses Ringen um Fairness ist typisch für die Entwicklung, die 48h genommen hat: Lange wurde bei den Zirkeltreffen (siehe Seite 44) auch darüber diskutiert, ob die Musiker, die professionell von ihrer Musik leben, nicht mehr Geld bekommen müssten für ihren Auftritt als Hobbymusiker, die sich einfach freuen, mal vor Publikum spielen zu können. Oder wie man die Besucher*innen um einen finanziellen Beitrag bitten könnte, ohne dass es wirkt wie ein Eintrittsgeld. Heute sieht die Regelung so aus: Alle Musiker*innen bekommen 50 Euro Ehrenamtspauschale und spielen ansonsten auf Hut. Die Besucher*innen werden dazu animiert, hübsche Supporter-Bändchen zu kaufen. Und dank der vielen Menschen, die das gerne zum Anlass nehmen, ihre Solidarität mit dem Festival zu zeigen, ist das kein so schlechtes Arrangement.

Die zunehmende Zahl von Gästen, die nicht in der Nachbarschaft wohnen, bringt jedoch auch ein Problem mit sich. 2018 gingen zum ersten Mal reihenweise Beschwerden bei der Polizei ein – oft über Lärm an Orten, die gar kein offizieller Teil des Festivals waren, aber auch über 48h-Veranstaltungen, die durch den Ansturm der Massen ausgeufert waren. Im Reiherstiegviertel hatte sich die Party verselbstständigt. Und wie nach einer wilden Party sah es am Sonntagmorgen rund um den Stübenplatz auch aus. Was bedeutet das für eine Veranstaltung, die „Listen to your neighbourhood“ auf ihre Plakate schreibt, also ein offenes Ohr für die Nachbarn haben will?

Das 48h-Team besann sich zur Beantwortung dieser Frage auf eine Kernfähigkeit des Bürgerhauses und suchte das Gespräch: Per Postwurfsendung wurde im Herbst 2018 die Nachbarschaft ins Deichhaus eingeladen. Da waren dann die einen, denen im Reiherstiegviertel ohnehin schon zu viel gefeiert wird. Und die anderen, die nicht verstehen, warum man jetzt, da es so richtig schön abgeht, auf die Bremse treten soll. Damit ist 48h mittendrin drin in der Gentrifizierungsdebatte in einem Stadtteil, in dem es eine Zeitrechnung vor und nach der IBA**  gibt.

„Unsere Entwicklung ist nicht losgelöst von der Entwicklung im Stadtteil zu sehen“, sagt Katja Scheer. „48h wollte den Scheinwerfer auf Menschen und auf Orte richten, die für den kulturellen Reichtum des Stadtteils stehen.“ Dann ergänzt sie: „Das Reiherstiegviertel braucht diese Aufmerksamkeit inzwischen weniger.“ So lautet eine Konsequenz aus der Deichhaus-Debatte, das Reiherstiegviertel in diesem Jahr nicht mehr so intensiv zu bespielen. Das Festival richtet seinen Fokus wieder mehr auf jene Quartiere der Elbinseln, die eher ein wenig im Abseits liegen.

Community Building mit Musik

Das funktioniert nicht mit Programmplanung vom Schreibtisch aus. „Am Anfang geht es für uns erst mal darum, in die Communitys reinzukommen, da überhaupt Vertrauen zu gewinnen“, erzählt Timo Gorf. Das Bahnhofsviertel sei da ein gutes Beispiel: „Im ersten Jahr mussten wir an irgendwelchen Türen klingeln, haben erklärt, was 48h ist, und versucht, die Leute vom Mitmachen zu überzeugen. Im zweiten Jahr mussten wir nur noch nachfragen, ob sie wieder bei 48h dabei sind. Und im dritten Jahr kommen die Leute von selbst auf uns zu, weil sie unbedingt dabei sein wollen.“ Das sind die großen Erfolge von 48h: Wenn es gelingt, die Menschen mitzunehmen und sie zu aktivieren.

„48h ist Community Building durch Musik“, sagt Steph Klinkenborg. „Musik als Methode schafft Begegnung, weckt Emotionen und funktioniert jenseits von Sprachbarrieren.“ Es geht um Plattformen, die eine Gelegenheit bieten, sich als Nachbarschaft kennenzulernen. Damit baut Musik von den Elbinseln auf eine Stärke des Bürgerhauses auf. Dies gelingt noch besser, seit Filiz Gülsular eine halbe Projektstelle im Bürgerhaus hat, um nicht nur im Vorfeld des Festivals, sondern das ganze Jahr über ansprechbar zu sein. Sie macht Quartiersarbeit, die vor allem Beziehungsarbeit ist. Wenn sie gelingt, ergibt eins das andere.

Wie bei dem türkischen Musiker Mehmet Sağiroglu: Nach seinem ersten Auftritt hat er im folgenden Jahr seinen Kleingartenverein dazu gebracht, als Veranstaltungsort bei 48h teilzunehmen. Heute arbeitet er im Programmkomitee mit. Oder die Jugendlichen aus Kirchdorf-Süd, die nach einem gemeinsamen 48h-Erlebnis im Haus der Jugend dieses Mal ihre eigene Hip-Hop-Cypher auf die Beine gestellt haben.

„Der Erfolg von 48h sind ganz viele kleine Momente, wo Leute zusammen gefunden haben“, sagt Steph Klinkenborg. Und diese Momente finden nicht nur während des Festivals statt. Neu sind in diesem Jahr die 48-Minuten-Konzerte, mit denen schon im Vorfeld die Aufmerksamkeit auf Akteure und Orte gelenkt wurde. Da sind aber auch die regelmäßigen Zirkeltreffen des Netzwerks Musik von den Elbinseln, die Klangwerkstätten und viele Kooperationen, in denen das Netzwerk Musikschaffende vermittelt hat.

Wenn im etablierten Teil des Hamburger Musiklebens plötzlich Namen von 48h-Teilnehmer*innen auftauchen, dann wird das freudig registriert. „Es ist natürlich schwierig zu sagen, wie sehr 48h einzelnen Musiker-Karrieren einen Schub geben konnte“, sagt Klinkenborg. „Aber es gibt einzelne Wege von Menschen, die durch 48h geprägt wurden und die das auch so für sich benennen.“

Grund zum Feiern

Von der Veddel in die Elbphilharmonie – das ist die Karriere von Derya Yildirim. Sie war 16, als sie mit ihrer Cousine zum ersten Mal bei 48h gespielt hat. Seit 2016 studiert sie Bağlama, die türkische Laute, an der Universität der Künste in Berlin.

„Der Weg, den Derya geht, den hat sie sich allein durch ihr musikalisches Talent verdient“, sagt Katja Scheer. – „Wie hätte das ohne Musik von den Elbinseln passieren sollen?“ fragt Derya Yildirim. „48h hat Welten geöffnet in meinem Leben. Musik machen, das fand für mich bis dahin in der Familie und in der Schule statt. Katja hat mich bei einem deutsch-türkischen Literaturfest auf der Veddel gehört und in das Musikleben von Wilhelmsburg integriert.“ Erst kleine Auftritte im  Bürgerhaus, dann Teilnahme bei 48h, plötzlich eine Theaterproduktion auf Kampnagel, die Reichweite wurde immer größer. Bis zum Kleinen Saal der Elbphilharmonie im April diesen Jahres. „Das begann mit der Kommunikation im Stadtteil, mit der Arbeit von Musik von den Elbinseln“, sagt Derya Yildirim. „Das hat meine komplette Musikkarriere aufgebaut.“

Ihr typisches 48h-Gefühl beschreibt die 26-Jährige so: Es ist eigentlich ein ganz normaler Samstag, die Läden haben auf, Leute gehen zum Frisör, aber plötzlich merkt man, da ist auch noch etwas anderes los – und dann spielt da eine Punkband im Fahrradladen! „Ich hab dann so einen Stolz plötzlich auf den Stadtteil“, sagt die junge Musikerin. „Ich erzähl das auf der ganzen Welt rum, wie besonders das ist, dass es so viel verschiedene Musik aus einem einzigen Stadtteil gibt.“

Dann fügt sie nachdenklich hinzu: „Vielleicht liegt das auch an meinem Hintergrund, dass ich mich nie irgendwo richtig zugehörig fühlen konnte. Hätte ich Deutschland gesagt, wären meine Eltern traurig gewesen. Aber 48h, das ist meine Heimat, und da sind auch meine Eltern dabei.“

Es sind solche Aussagen, die dem 48h-Team das Gefühl geben, dass es im zehnten Jahr allen Grund zum Feiern gibt. Wie es nach dem Jubiläum weitergeht? Musikalisch auf den Elbinseln unterwegs zu sein, um neue Begegnungen zu ermöglichen – das war von Anfang an Sinn und Zweck von 48h. Und so wird das Festival in Bewegung bleiben.

Zum 48H Programm

 

*Es werden nicht die einzelnen Besucher des gesamten Festivals gezählt, sondern die Besucher*innen pro einzelner Veranstaltung.

** Internationale Bauausstellung, die 2013 zusammen mit der Internationalen Gartenschau stattfand, um die Stadtentwicklung in Wilhelmsburg zu fördern

Der Artikel ist dem diesjährigen Programmheft von 48 h Wilhelmsburg entnommen.