Ein Reim aufs Leben
15. Mai 2019

Zum Tonstudio im Haus der Jugend Kirchdorf führt ein dämmriger Gang, auf dem Schild neben der Tür steht ganz klein „Musik“. In dem engen Raum dahinter ist die Luft nicht die beste, aber es ist muckelig warm an diesem kalten Apriltag. An drei Wänden drängen sich Schränke, rote Plüschsofas und eine schwarze Ledercouch, auf der anderen Seite eine große Glasscheibe, dahinter der Aufnahmeraum. Auf einem Monitor läuft ein Musikvideo von PNL: harte Beats und Schnappmesser, Gangsta-Rap.

„Wir schauen gemeinsam Videos, um zu lernen, was man technisch machen kann“, sagt Vincenzo Prato, der selbst unter dem Künstlernamen Caenzo rappt und das Tonstudio betreut. Die Jugendlichen machen mit seiner Hilfe Probeaufnahmen und testen Toneffekte aus – im Moment am liebsten solche, die für den gerade angesagten Trap typisch sind und die Stimme zum Beispiel roboterartig verzerrren. „Im HipHop nutzen wir die Musik als Ventil, die Sachen zu verarbeiten, die uns beschäftigen“, sagt der 27-Jährige. Deshalb arbeitet er mit den Jugendlichen auch daran, ihre Texte zu verbessern. Die Beats laden sie meistens aus dem Internet runter. Von den sieben Jugendlichen, die gerade da sind, kommt nur Ali aus Wilhelmsburg, die anderen aus Neugraben, Rothenburgsort, Lohbrügge. Das Tonstudio ist inzwischen die am stärksten besuchte Gruppe im HdJ, an einem Sonntag nachmittag geben sich schon mal 30 Jugendliche die Klinke in die Hand. „Nicht alle kommen, um Musik zu machen“, erklärt Vincenzo. „Einige nehmen auch nur das Angebot wahr, die entspannte Atmosphäre zu genießen.“ Für die Jugendlichen hat der Raum eine Rückzugsfunktion. „Hier wird man auch mal gefragt wie es in der Schule läuft“, sagt der 16-jährige Tugay. „Oder man kann über Familienprobleme sprechen.“ Und manchmal fließen diese Themen dann auch in die Reime der Raptexte ein.

 „Ich weiß es zu schätzen, dass einige mich auch in persönlichen Dingen um Rat fragen“, sagt Vincenzo – oder Vini, wie ihn hier alle nennen. Er kennt noch das alte Haus der Jugend, das nur eine Holzhütte war. Über ein paar ältere Jungs ist er dann in die Hiphop-Szene gekommen, vor sechs Jahren wurde er gefragt, ob er das Tonstudio leiten will. „Für mich ist das auch so eine Art Mentorenprojekt“, sagt der BWL-Student, der gerade seine Bachelor-Arbeit schreibt. Zu diesem Mentoring gehört, dass er irgendwann den sechs Jahre jüngeren Selim gefragt hat, ob dieser sich die Betreuung des Studios mit ihm teilen will. Und dazu gehört auch, dass er mit allen, die Lust haben, bei 48h gemeinsam auf die Bühne will.

Für Gruppenauftritte gibt es im HipHop zwei Möglichkeiten: Battle oder Cypher. Bei einer Battle treten die Rapper gegeneinander an und versuchen, sich gegenseitig mit fiesen Texten so schlecht wie möglich zu machen. Bei der Cypher spielt der DJ Beats ab und das Mikrophon geht reihum, jeder steht mal im Mittelpunkt und improvisiert zu einem Thema, das ihm gerade einfällt. „Bei der Cypher präsentiert man mehr sich selbst und zeigt seine Skills, seine Fähigkeiten beim Rappen“, erklärt Vini. „Wir wollten nicht, dass bei unserem Auftritt Texte unter die Gürtellinie gehen und dann Unstimmigkeiten entstehen, deshalb haben wir uns gegen die Battle entschieden.“

Vini selbst hat im vergangenen Jahr bei 48h zusammen mit El Babo gerappt. „Seitdem war für mich klar, dass ich mit den Jungs mitmachen will – und dem Mädel natürlich“, sagt er mit Blick auf Veronika, die auf einer Transportkiste sitzt und nebenbei ihre Hausaufgaben macht. Sie ist das einzige Mädchen, das regelmäßig ins Tonstudio kommt. „Bei meiner ersten Aufnahme mussten wir eine Handvoll Jungs rausschicken und das Licht ausmachen, damit ich mich traue“, erzählt sie. Inzwischen hat sie mit ein paar der Jungs sogar gemeinsame Projekte.

Einer davon ist Alex, der seit drei Monaten dabei ist. Er mag Deutsch-Rap sehr gerne, ist aber auch inspiriert von Trap-Artists wie Travis Scott. „Bei meiner allerersten Aufnahme hört man auch, dass ich mich total unwohl fühle“, gesteht er. Dann fügt er hinzu: „Aber man braucht sich hier nicht zu schämen, wenn man nicht gut singen kann. Es gibt genug Effekte, die helfen, das zu vertuschen. Und es gibt hier wirklich engagiertes Personal, das sich damit gut auskennt und einen weiterbringt“, sagt er anerkennend Richtung Selim und Vini, die ihre Blicke bescheiden auf den Boden heften. Das Tonstudio habe alle seine Erwartungen übertroffen, meint Alex. Und die Teilnahme bei 48h könnte ein weiterer Höhepunkt werden.

„48h bietet einen einfachen Eintritt in eine Plattform, wo man ein wirklich großes Publikum erreichen kann“, sagt Vini. Außerdem biete das Festival die Gelegenheit, sich inspirieren zu lassen: „Was gibt‘s bei mir nebenan? Welche Musiker sind da, mit denen ich vielleicht auch mal zusammenarbeiten kann?“ Er selbst habe durch 48h Jan Holler kennen gelernt, von Rap for Refugees. „Ich kannte den Namen vorher, aber wir hatten keinen musikalischen Draht zueinander.“ Jetzt ist Jan auch bei der Hiphop-Cypher dabei. Wer von den Jugendlichen mitmachen will, ist noch nicht abgemacht. Sie wollen auf jeden Fall nicht nur spontan improvisieren, sondern auch ein paar Rap-Tracks üben, „damit wir nicht planlos auf der Bühne rumstehen.“

Das Interview ist schon fast vorbei, da meldet sich Tugay: „Ich möchte noch sagen, dass wir sehr dankbar sind, dass es das hier gibt. In Rothenburgsort haben sie das Haus der Jugend weggenommen und neu gemacht, aber nur für die Kleinen. Für uns gibt‘s da nichts. Wir sind sehr froh, dass wir sowas gefunden haben!“ Alle nicken. Und Selim will dann auch noch was sagen: „Die Ehre gebührt wirklich Vini – er hat das Ganze in die Hand genommen und zum Laufen gebracht.“ Spätestens jetzt ist klar: Sich auf der Bühne zu batteln und zu dissen – das hätte zu dieser Crew wirklich nicht gepasst.

Auf zur Hip-Hop-Cypher!

Am Samstag 15.6.
Haus der Jugend Kirchdorf
20-23 Uhr

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